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Hannes der Buntspecht
Von Heiko Sommer


Das Klopfen, dass er von Weitem hörte, beruhigte ihn. `Ein schöner Rhythmus´ dachte er, als er Hunger bekam. „ Mutti, Mutti !“ piepste er, aber seine Mutter hörte ihn nicht. So schlief er unter diesem Getrommel wieder ein. „Hannes wach auf“ hörte er und freute sich, dass seine Mutter wieder da war. „Hier mein Sohn, ich habe dir etwas zu Essen mitgebracht.“ Er freute sich so doll, dass er aus seinem Nest gefallen wäre, wenn sein Vater ihn nicht festgehalten hätte. „Hier Junge, iss das, es sind viele Kohlehydrate und `ne Menge Eiweiß in dieser Nahrung!“ Hannes freute sich, dass alle wieder zu Hause waren und fraß alles auf. „Sagt mal, habt ihr auch dieses Trommeln gehört? Das gefällt mir so gut, ich hätte auch gerne eine Trommel!“ Die Mutter und der Vater sahen sich an und schüttelten den Kopf. „ Du wirst noch früh genug trommeln, mein Sohn“ sagte der Vater und flog davon. Nach einiger Zeit ging das Trommeln wieder los und Hannes schlief satt und entspannt ein. „Hannes wach auf“ hörte er wieder seine Mutter rufen. „Wach auf mein Junge, es gibt wieder essen!“ „Im Wachstum hat man immer Hunger.“ brummte der Vater und Hannes aß wieder alles auf. „Warum muss ich eigentlich immer Würmer fressen?“ fragte er mit halb vollem Schnabel. „Damit deine Federn, deine Beinchen und dein Schnabel schön wachsen können.“ Federn und Beinchen waren ihm klar. Aber der Schnabel? „Warum der Schnabel?“ fragte er neugierig. „Damit du mal so aussiehst wie wir.“ sagte der Vater. Damit war Hannes zufrieden und kuschelte sich an seine Eltern ran. „Hannes wach auf“ weckte ihn seine Mutter und Hannes dachte nur ´Nee, nicht schon wieder Würmer!´ „Kann ich nicht irgend etwas anderes essen?“ Der Vater baute sich vor ihm auf und sagte: „Solange du deine Beine in unserem Nest hast, isst du, was wir dir in deinen Schnabel stecken! Immer diese Fragen...“ brummte er. „Das haben wir jetzt von deiner antiautoritären Erziehung“ murmelte er und flog wieder davon. „ Was möchtest du denn lieber essen“ fragte die Mutter und Hannes sah sich um. „Na, na vielleicht ein paar Blätter?“ Die Mutter schüttelte den Kopf und sagte: „Die Blätter sind für die Vegetarier in diesem Wald und wenn du jetzt anfangen würdest, ihnen die Blätter weg zu essen, würdest du ihnen die Lebensgrundlage entziehen. Alles würde aus dem Gleichgewicht geraten. Willst du das?“ Hannes schaute seine Mutter an und verstand kein Wort, von dem was sie sagte. „Ach so.“ murmelte er und drehte sich um, um mit einem Tannenzapfen zu spielen.
So vergingen die Tage und Hannes wurde immer größer. Sein Vater, der jetzt täglich Hannes´ Schnabel begutachtete sagte: „ Jetzt dauert es nicht mehr lange, mein Sohn. In zwei oder drei Tagen ist dein Federkleid dicht, deine Beine stark, und dein Schnabel hart genug, um das Nest zu verlassen.“ „ Wie, das Nest verlassen?“ fragte Hannes nach. Seine Mutter schob den Alten zur Seite und sagte „Ich werde dem Jungen erzählen, wie es für einen Buntspecht ist, in dieser Welt zu leben. Also mach dich vom Acker, du alter Gnutterkopp!“
Er flog mit einem Kopfschütteln davon. „ Komm, mein lieber Hannes, ich muss dir etwas zeigen.“ Hannes folgte ihr, wie es sich für einen gut erzogenen Specht gehört. „Hast du dich eigentlich nie gefragt,“ fing die Mutter an zu reden „wofür diese Kiste hier ist?“ „Nöö.“ antwortete Hannes. Die Mutter öffnete die Kiste, die mit einem Schloss versehen war, und sagte: „ Hier findest du Medizin gegen deine Kopfschmerzen.“ „ Kopfschmerzen? Wieso denn Kopfschmerzen?“ wiederholte er. „ Das wirst du schon noch feststellen, denn das ist unsere Bestimmung.“ Hannes dachte nach und verstand kein Wort von dem was seine Mutter ihm sagte. „Ab morgen bist du mit der Futtersuche auf dich allein gestellt. Du solltest morgens eine, mittags eine, und abends brauchst du bestimmt zwei von denen hier.“
„Aber wieso denn? Das Futter wird einem doch gebracht und meinem Kopf geht es auch nicht schlecht.“ „Na ja,“ sagte die Mutter. „du wirst schon sehen.“ „Komm jetzt, schlaf ein wenig, du wirst morgen viel Kraft brauchen.“ Dieses Gespräch bewegte ihn noch eine ganze Weile. Irgendwann schlief er aber ein und träumte von seinem ersten Flug über die Baumkronen des Waldes.
„Guten Morgen!„ wurde er unsanft geweckt von seinem Vater. „Guten Morgen.“ antwortete Hannes. „Ich habe Hunger.“ sagte er und sein Vater sah ihn mit großen Augen an. „Dann nimm schnell eine Tablette und komm! Wir werden schon etwas finden.“ Dann flogen sie los. Hannes, der noch nie in seinem Leben geflogen ist, war total begeistert von der Schönheit des Waldes. Dass es diese vielen Tiere, die er nur aus Geschichten kannte, wirklich gab, konnte er kaum glauben. Er trällerte ein Lied und flog seinem Vater hinterher. An einem Baum machten sie Halt und sein Vater sagte: „Na los, du musst mit deinem Schnabel so doll auf die Rinde hauen, dass du an die vielen leckeren Insekten kommst.“ Sein Vater fing an zu klopfen und Hannes erkannte den Rhythmus wieder, den er als Baby immer hörte. Er wollte das auch mal probieren und haute mit aller Kraft zu. „ Aua“ schrie er „das tut weh!“ „ Wenn du etwas essen willst, musst du das so wie ich machen.“ Sagte der Vater. Hannes probierte es gleich noch einmal. „Aua!“ schrie er. „Welche anderen Möglichkeiten habe ich noch, an essen zu kommen?!“ „Keine“ sagte der Vater und verzog bei jeden Schlag das Gesicht vor Schmerzen. „Aber du kannst ja versuchen, anders satt zu werden, du Klugscheißer! Heute Abend, wenn es dunkel wird, kannst du ja wieder zum Nest kommen.“ Hannes nickte und flog los. Er flog über dem Wald hinweg und kam an einen Fluss. Dort beobachtete er ein Reh beim Wasser trinken. Einige seltsame Wesen bewegten sich im Wasser und Hannes fand es eklig, etwas zu trinken, indem andere leben. Er rief: „ Hey Reh, das kann doch nicht gesund sein, was du da machst!“ Das Reh schaute hoch und sagte: „ Du musst deinen Schnabel aufreißen, Mann! Wie geht es deinen Kopfschmerzen?“ Hannes verstand erst nicht, was das Reh damit sagen wollte und fragte sich, ob es ihn und seine Mutter belauscht hatte. „Sag mal Reh, was isst du denn so, um deinen Hunger zu stillen?“ Das Reh lachte und sagte: „ Blätter natürlich, aber nur die jungen.“ „Ach so!“ rief Hannes und flog davon. An einem kleinem Baum machte er Halt und versuchte, ein Blatt zu essen. Er musste aber leider feststellen, dass er die Blätter nicht zerkleinern konnte. Er probierte und probierte bis zum Mittag, ein Blatt zu essen. Er hatte noch nie in seinem Leben so einen großen Hunger und beschloss es seinem Vater gleich zu machen. „Ach diese Kinder...“ sagte der Vater, der die kläglichen Versuche seines Sohnes hörte. Abends traf sich die Familie Specht im Nest wieder. Hannes hatte einen blutigen Schnabel und er weinte. „ Das ist doch Scheiße!“ schrie er seine Eltern an. „Solche Schmerzen wegen einem Wurm?!“ An diesem Abend nahm er zwei Tabletten und viel total erschöpft ins Bett.
Am nächsten Morgen machte er seine Augen auf und sah ein Schälchen mit Maden, die seine Eltern extra für ihn gesucht hatten. Die halbe Nacht waren sie unterwegs, um diese Schale zu füllen. „Soll das für mich sein?“ fragte er. Die Mutter nickte und nahm eine Tablette. „Das kann ich nicht annehmen.“ Obwohl er großen Hunger hatte schob er die Schale zu seiner Mutter und sagte: „Iss du!“ Aber die Mutter lächelte und meinte nur: „Das kannste ruhig essen, mein lieber Sohn.“ Dann ging sie schlafen. Hannes der einen Riesenhunger hatte, aß nur die Hälfte und flog wieder in den Wald hinaus. An diesem Tag traf er einen Biber am Fluss. Der Biber merkte, dass er beobachtet wurde und schrie: „Hau ab, du oller Specht! Ich hab schlechte Laune, weil ich die ganze Nacht kein Auge zu gemacht habe. Euer scheiß Geklopfe geht mir tierisch auf ´n Sack.“ „Ich kann nichts dafür.“ sagte Hannes. „Ich hatte Hunger und meine Eltern haben mir etwas zu Essen besorgt.“ „Warum hattest du Hunger?“ fragte der Biber. „Weil ich gestern nichts essen konnte, die Rinde ist zu...“ Hannes dachte nach und sagte: „Hey Biber!“ Der Biber bekam einen Schreck. „Mensch Biber, ich habe eine tolle Idee. Du fällst die Bäume und machst die Rinde ab und wir hören auf Lärm zu machen. Zusätzlich bezahlen wir dich mit Kopfschmerztabletten.“ Der Biber überlegte eine Weile und fragte: „Woher weißt du, dass ich Kopfschmerzen habe? Na gut, wir versuchen das mal.“ Von diesem Tag an hörte das Klopfen auf und alle lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

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Mittwoch, 25. Januar 2012, 10:14 PM

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